_stress und vegetativum


Das vegetative oder auch "autonome" Nervensystem ist der Anteil des Nervensystems, das der Aufrechterhaltung lebenswichtiger Vorgänge wie Blutdruck, Herzschlag, Atmung, Verdauung, Stoffwechsel, Ausscheidung und Fortpflanzung dient. Es entzieht sich größtenteils dem direkten bewussten Willen (daher "autonom"). Es ist vereinfacht in zwei Gegenspieler, Sympathikus und Parasympathikus unterteilbar - der Sympathikus ist das Gaspedal, der Parasympathikus ist die Bremse. Bezogen auf die evolutionäre Entwicklung des Menschen tut der Sympathikus alles, um das Überleben in akuter Gefahr sicherzustellen (Kampf, Flucht, Bewegung), der Parasympathikus sorgt für die Erholung und die Regeneration des Organismus für kommende Anforderungen.

 

Da der Mensch seine körperliche Evolution gewissermassen überholt hat und die moderne Lebenswelt mit ihrer oft viel zu hohen Geschwindigkeit (mit gleichzeitigem relativem Bewegungsmangel!) den neurobiologischen Gegebenheiten absolut nicht angepasst ist, treten unweigerlich Probleme auf. Der Sympathikus wird viel zu oft und viel zu lange aktiviert, der Parasympathikus dagegen kommt meist zu kurz, das Resultat ist das, was man als Stress bezeichnet.

 

Ich lege sehr viel Wert darauf, dass Stress an sich nichts grundsätzlich Negatives ist und auch nicht von vorneherein verteufelt wird. Ohne Stress gäbe es keine Evolution, keine Entwicklung, keinen Fortschritt. Stress ist ein notwendiger Reiz im Leben, aber auch hier macht zum einen die Dosis das Gift, zum anderen ist der Umgang damit entscheidend.

Man muss sehr genau zwischen positivem Stress (Eustress) und negativem Stress (Distress) unterscheiden.

Fest steht:  negativer Stress ist nicht immer vermeidbar, er sollte aber niemals dauerhaft sein!

 

Chronischer Stress ist nichts anderes als die Summe der Reaktionen des Organismus auf eine unverhältnismäßig lange, häufige und/oder zu intensive Sympathikusaktivierung. Das Entscheidende ist das Fehlen einer ausreichenden parasympathischen Regeneration, also das "Ruhen in der sicheren Höhle" nach der Flucht vor dem Säbelzahntiger, um es mit evolutionär verankerten Programmen auszudrücken.

Gründe für eine schlechte parasympathische Regulation sind im Lebensstil und / oder in den individuellen Mechanismen der Stressbewältigung (Resilienz) zu suchen. Auch schwerwiegende äußere Einflüsse wie eine schwere Grunderkrankung oder auch gravierende traumatische Ereignisse können eine chronische Stressbelastung hervorrufen oder unterhalten.

 

Das Wunderwerk Mensch kann alles Mögliche ziemlich lang kompensieren, doch bei langfristiger Stressbelastung geraten neuronale, hormonelle und immunologische Vorgänge aus dem Lot, was den Weg für schwere Erkrankungen bahnt. Nicht umsonst sind die heutigen Hauptgründe für frühe Erwerbsunfähigkeit und steigende Kosten im Gesundheitssystem (und auch die führenden Todesursachen) in der industrialisierten Welt nicht mehr die Infektionskrankheiten, sondern die so genannten "Zivilisationskrankheiten":

Zu Beginn stehen meist Schlafstörungen und unspezifische Beschwerden wie Reizbarkeit, Müdigkeit, Herzrasen, Schmerzen am Bewegungsapparat ohne erkennbare Ursache, funktionelle Magen-Darm-Beschwerden. Weiter geht es auf körperlicher Ebene zum Bluthochdruck, zum metabolischen Syndrom bis hin zu Herzinfarkt und Schlaganfall, auf der psychosomatischen Schiene geht es über die Stressdepression bis hin zum neuroendokrinologischen Burnout.

Es gibt überdies Hinweise, dass auch Erkrankungen wie die Demenz durch Stress und die dadurch verursachten Veränderungen des Botenstoffstoffwechsels im Gehirn mitverursacht werden.

 

Die Wurzel sehr vieler "hausgemachter" gesundheitlicher Probleme liegt also in eben diesem Ungleichgewicht innerhalb des Vegetativums, das zumeist jahre- bis jahrzehntelang ignoriert und in der Gesellschaft auch ein Stück weit kultiviert und glorifiziert wird ("keine Schwäche zeigen", "Leistung um jeden Preis" etc.), bis es zu ernsten Störungen kommt.

 

Bei vielen schweren Erkrankungen kommt ein solches Ungleichgewicht oftmals im Verlauf hinzu, denn jede schwere Erkrankung bedeutet extremen Stress für den gesamten Organismus und damit auch für das Vegetativum.

 

Die Messung der Variabilität der Herzfrequenz erlaubt innerhalb weniger Minuten einen Einblick in das Vegetativum, und man kann sehen, wie es um "Gas" und "Bremse" bestellt ist:

Passt hier alles zusammen oder ist man unterwegs wie ein Ferrari mit einer Bremse vom 2CV? Hat das Getriebe 6 Gänge oder nur ein oder zwei?

Mehr zu dieser faszinierenden Methode lesen Sie hier.